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Favoritenwechsel an den Aktienmärkten

News vom 20.11.2020

News vom 20.11.2020 - Finanzcoching Helmut Böse

Steigen oder fallen die Aktienkurse? Macht man Gewinn oder Verlust? Wie hoch fallen die Ergebnisse nach ein, zwei oder mehr Jahren aus?

Immer hingen die Antworten auf diese Fragen auch davon ab, in welche Aktien investiert wurde. Phasenweise entwickeln sich an der Börse Aktien bestimmter Branchen oder Länder besser als andere. Deshalb denken professionelle Investoren, wie Fondsmanager, natürlich auch immer darüber nach, welche Aktien sie bevorzugen und welche sie meiden sollten. Soll man auf eine Fortsetzung der beobachteten Trends setzen? Oder auf Trendwechsel?

In den vergangenen Jahren erwies sich oft vor allem die Zuordnung zu Wachstums- oder Substanzaktien als entscheidend. Schon vor dem Crash im März bevorzugten Anleger große US-amerikanische Technologieaktien. Sie gelten als Qualitäts- und Wachstumswerte. Weil sie ihre Gewinne tatsächlich auch in diesem von der Corona-Pandemie geprägten Jahr weiter steigern konnten, kletterten ihre Aktienkurse auf neue Rekordhöhen. Viele Fondsmanager können sich damit bestätigt sehen: Ihre Fonds profitierten von Investments in großen US-Konzernen wie Apple, Amazon, Microsoft, Facebook und Alphabet (dem Betreiber von Google und YouTube). Nicht wenige erwarten, dass sich diese "Erfolgsstorys" fortsetzen. Anderen Fondsmanagern sind diese Aktien inzwischen schlicht "zu teuer".

Die Frage, ob sich die bessere Kursentwicklung der sogenannten Wachstums- und Qualitätsaktien gegenüber sogenannten "Substanzaktien" fortsetzen kann oder eine Aufholbewegung der zurückgebliebenen "billigen" Aktien bevorsteht, wird unter Experten leidenschaftlich geführt : Qualität habe ihren Preis, werde sich aber auf längere Sicht weiterhin lohnen, argumentieren die Einen. Gerade in wachstumsschwachen Zeiten solle man weiterhin Wachstumsaktien suchen. Anderen erscheinen diese Aktien rückschlaggefährdet, weil die Erwartungen an deren zukünftiges Wachstum unrealistisch hoch seien. Sie setzen lieber auf Substanzaktien, von denen die meisten allerdings stärker von der Konjunktur abhängig sind: Ihre Gewinne steigen zwar, wenn es einen Wirtschaftsaufschwung gibt, fallen aber wieder, wenn es wieder einmal Probleme bei der konjunkturellen Entwicklung gibt.

Als im Sommer die Kurserholung nach dem Crash an Kraft verlor, waren es zuletzt fast nur noch die wenigen großen US-Technologie-Aktien, die Kursgewinne verzeichnen konnten. Die US-Aktienindizes konnten im Juli und August neue Rekordhöhen erreichen, weil diese Aktien hohen Einfluss auf die Aktienindizes haben. Aufgrund ihres hohen Börsenwertes haben die Aktienkurse von Unternehmen wie Apple, Amazon und Microsoft einen hohen Anteil bei der Berechnung der Aktienindizes. Das trägt dazu bei, dass viele Anleger davon ausgehen, mit diesen Aktien nichts falsch machen zu können. Die großen US-Tech-Konzerne sind unumstrittene Marktführer in ihren Geschäftsfeldern, so dass sie fast schon eine Monopolstellung haben, beispielsweise Amazon im Online-Einzelhandel.

Auch der Umstand, dass die Zinsen soweit gesunken sind, hat zu dem Aufstieg der Wachstumsaktien beigetragen, denn sie stützen ihren Wert auf die Erwartung zukünftig noch höherer Gewinne. Der Wert zukünftiger Gewinne bei Aktien ist umso höher, je niedriger die Zinsen sind. Dazu erklärte ein Experte unlängst: "Mit dem Rückgang des risikolosen Zinses von 5 Prozent in 2007 auf heute 0,6 Prozent (in den USA) war es insofern keine Überraschung, dass ihre Preise immer neue Rekorde verzeichneten. (...) Der positive Einfluss sinkender Zinsen war zudem umso größer, je höher die Wachstumserwartungen für ein Unternehmen ausfielen."

Auch wenn noch kein Gegenwind durch steigende Zinsen zu erwarten ist, dürfte aber der Rückenwind durch fallende Zinsen künftig entfallen. Die Kursgewinne der Wachstumsaktien aus den vergangenen Jahren einfach so fortzuschreiben, ist also optimistisch. Zumal die Zahl der Experten zunimmt, die auf Sicht weniger Jahre eine Rückkehr höherer Inflationsraten für wahrscheinlich halten. Dann könnten auch die Zinsen wieder steigen. Dazu ein Fondsmanager: "Wir halten es für wenig ratsam diese Entwicklung (fallender Zinsen) zu extrapolieren. Nachdem die Zentralbanken inzwischen erkannt haben dürften, dass negative Zinsen das Ziel der finanziellen Repression konterkarieren, (...) scheint der zukünftige Zinsspielraum nach unten begrenzt. (...) Statt bei Qualitätsunternehmen auf den Autopiloten zu setzen, hinterfragen wir deshalb mehr und mehr deren Bewertungen und versuchen Alternativen zu finden. Diese sehen wir u.a. bei Unternehmen, deren Qualität und Wachstum weniger offensichtlich sind, die aber dennoch über Preissetzungsmacht verfügen."

Nicht mehr fallende und irgendwann sogar wieder steigende Zinsen sind aber nur ein Risiko für die stark gestiegenen Aktienkurse der großen US-Technologiekonzerne. Ein weiteres Risiko besteht darin, dass die inzwischen hohen Erwartungen irgendwann in den nächsten Jahren enttäuscht werden. Ein Beispiel dafür lieferte jüngst der Streamingdienst Netflix: Obwohl das Unternehmen meldete, innerhalb von drei Monaten 2,2 Millionen zahlende Kunden hinzugewonnen, seinen Umsatz um fast 23 Prozent und seinen Nettogewinn um rund 19 Prozent gesteigert zu haben, fiel der Aktienkurs. Wenige Tage vor Bekanntgabe der Quartalsergebnisse hatte die Netflix-Aktie noch Kurse um 570 Dollar erreicht. Nach der Bekanntgabe fiel sie auf rund 525 Dollar. Der Verlust von rund 20 Milliarden Dollar an Börsenwert bei Netflix zeigt das Risiko, das bei hoch bewerteten Wachstumsaktien besteht: Umsätze und Gewinne müssen nicht fallen, nicht stagnieren, um Kursverluste auszulösen. Es reicht, wenn das Umsatz- und Gewinnwachstum die hohen Erwartungen nicht ganz erfüllt. Inzwischen wird Netflix immer seltener in einem Atemzug mit den "Erfolgsstorys" genannt, zu denen zweifellos Apple gehört. Aber auch deren Aktienbewertung stützt sich auf hohe Erwartungen, die besser nicht enttäuscht werden sollten. Auch von Apple wird erwartet, seine Gewinne deutlich zu erhöhen. Konkret wird erwartet, dass Apple seinen Gewinn in den nächsten fünf Jahren jedes Jahr um 9,5 Prozent erhöhen kann.

Die Dividendenrendite liegt bei bescheidenen 0,7 Prozent und ist damit zu klein, um ein Kaufargument bieten zu können, zumal andere Aktien ein Vielfaches davon bieten. Also wird der gegenwärtige Börsenwert des Apple-Konzerns nicht mit seinen gegenwärtigen, sondern mit seinen zukünftigen Gewinne begründet. Wenn der aktuelle Aktienkurs schon die Erwartungen eines jährlich um 9,5 Prozent steigenden Unternehmensgewinns widerspiegelt, dürften weitere Kursgewinne nur möglich sein, wenn die Gewinne um mehr als die erwarteten 9,5 Prozent jährlich steigen. Diese Chance mag es geben. Ihr steht aber auch das Risiko entgegen, dass die sehr hohen Erwartungen nicht ganz erfüllt werden. Würde die Zuwachsrate der Gewinne nur etwas niedriger ausfallen, könnte der Apple-Aktienkurs um einen zweistelligen Prozentsatz fallen.
Ein bislang wenig beachtetes Risiko droht den große US-Technologie-Konzernen von politischer Seite, wo man über eine strengere Regulierung oder gar eine Aufspaltung der Konzerne nachdenkt. Dazu schrieb ein Fondsmanager unlängst: "Was sollte deren Höhenflug stoppen? (...) Eine Bedrohung, die wir sehen, ist die politische. Diese Woche veröffentlichte ein US House Panel einen 450-seitigen Kartellbericht über Big Tech.

In diesem Bericht erläutern die Autoren ausführlich die Dominanz einiger Technologieunternehmen und die Bedrohung, die dies für den US-Verbraucher darstellen könnte. Beim Marktanteil für mobile Betriebssysteme ist Apple mit einem Marktanteil von mehr als 50 Prozent nicht überraschend der unangefochtene Marktführer."

Dennoch rechnet er nicht mit einer abrupten Trendwende von Wachstums- zu Substanzaktien. Wer in den vergangenen Jahren und Monaten überdurchschnittlich erfolgreich sein wollte, der musste auf wachstumsstarke Aktien setzen. Es hat sich gezeigt, dass die Gewinne und Gewinnerwartungen für die beiden wichtigen Wachstums-Sektoren Technologie und Gesundheit in den vergangenen zehn Jahren beinahe stetig angestiegen sind. Selbst der Corona-bedingte Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität in diesem Jahr geht an beiden Branchen fast unbemerkt vorbei. Ganz anders stellt sich dagegen die Situation bei den Finanz-, Energie- und den Industriewerten dar: Dort ist es in Phasen schwacher Konjunktur immer wieder zu Gewinneinbrüche gekommen, so auch Corona-bedingt in diesem Jahr.

Die Auswirkungen der zweiten Pandemiewelle begünstigen zunächst wahrscheinlich noch einmal Wachstumsaktien aus den Branchen Technologie und Gesundheit. Eine Erholung der Konjunktur 2021 könnte dann zu einer Aufholjagd anderer Branchen führen. Wie weit diese reicht, lässt sich aber heute nicht abschätzen. Anleger sind gut beraten, mit Fonds weiterhin breit gestreut über Branchen und Länder zu investieren.

(Eintrag vom 20.11.2020)

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